Die solide Tür, vor der er stand, rettete
sein Leben. Es gab eine donnernde Explosion, alle Fenster flogen aus dem
Gebäude, rissen im Erdgeschoss die Gitter mit. Nur die Tür hielt dem
Explosionsdruck stand und schützte Splashmore, auf den Regen von
kleinen Glassplittern, zerbrochenen
Dachziegeln, Holz- und Mauerteilen niederging. Ein größeres Stück
Stein streifte seinen Rücken, riss seine Khakibluse und das Unterhemd
auf, schabte Haut großflächig von seiner Wirbelsäule und zerplatze
auf dem Weg. Der Schmerz brachte ihn zur Besinnung, während eine große
Staubwolke niedersank und ihm den Sauerstoff nahm. Hustend, keuchend,
nach Luft schnappend rannte er davon, den Weg entlang, an den beiden lädierten
Palmen vorbei, neben denen noch vor weniger als zehn Minuten das Modul
gestanden hatte.
Mit brennenden Lungen erreichte er einen Platz. Immer noch keuchend und
hustend trabte er weiter, missachtete seine bleischweren Beine. Mit
heulendem Motor schoss ein Tiefflieger über ihn hinweg, verschwand über
dem Wasser. Jetzt war der Himmel voller japanischer Flugzeuge mit den
großen roten Sonnen unter ihren Tragflächen. Wo blieben die
amerikanischen Jäger?
Neben einem Fahnenmast lagen zwei Soldaten.
Splashmore verhielt kurz, beugte sich zu ihnen hinunter. Der eine, ein
einfacher Matrose, besaß an Stelle des Gesichts einen blutigen Brei,
aus dem zwei makellos weiße Zähne blinkten und ein dickes, getrübtes
Auge glotzte. Der andere, ein jüngerer Petty Officer, schien nur zu
schlafen: Beide Hände unter dem Gesicht gelegt, ein Bein über das
andere gekreuzt, mit friedlichem, entspannten Gesichtsausdruck lag er
auf der Seite neben seinem Kameraden. Nur die dünnen, roten Blutfäden,
die ihm aus Mund und Nasenlöchern liefen, straften den ersten Eindruck
Lügen.
Eine mächtige Explosion schreckte den
Lieutenant auf: Das Haus, vor dem er noch vor zwei Minuten gestanden
hatte, flog in die Luft. Die Bücher über maritimes Leben mussten einen
explosiven Inhalt besitzen, ging es ihm durch den Kopf, während er mit
aller Kraft loslief. Der Appellplatz war rasch überquert, an einem Gebäude
entlang hastend folgte er dem Weg, der zu einem Hafenbecken führte, in
dem kleinere Schiffe lagen. Dort blieb er stehen. Zwei oder drei der
Patroullienboote holten gerade ihre Anker ein, während Matrosen mit den
Zwillings-MG auf die Flugzeuge schossen. Ein Boot befand sich im Sinken,
hing noch an seinem Nachbarschiff vertäut. Dessen Mannschaft versuchte
verzweifelt, die Vertauung zu lösen, um nicht zu kentern. Der Gestank
von brennendem Öl und der scharfe Geruch des Pulvers brannten in der
Nase des Mannes, der am gemauerten Kai stand, laut brüllte und mit den
Armen ruderte. „Hierher!“, schrie er. „Holt mich ab!“, selber
zweifelnd, ob man ihn drüben auf den Schiffen bei dem infernalischen
Krachen der Explosionen und dem Hämmern der Maschinenwaffen hören
konnte.
„Steigen Sie ein Soldat!“, schrie jemand hinter ihm. „Wollen Sie
sich von den Japsen erschießen lassen?“
Splashmore fuhr herum. Hinter ihm stand ein Jeep der Militärpolizei, in
dem vorne zwei korrekt gekleidete MP-Sergeants saßen. Trotz des
allgemeinen Chaos trugen sie die vorschriftsmäßige Uniform mit den glänzenden
Helmen, den weißen Koppeln und den Armbinden mit dem Aufdruck MP.
Hinten im Fahrzeug hockte ein junger Schwarzer in zerfetzter grüner
Army-Unterwäsche, einen blutgetränkten Verband um seinen Kopf
gewickelt. Der Schwarze winkte.
„Steig ein, Kumpel, steig
ein!“
Mit zwei Sätzen war der Lieutenant am Jeep und schwang sich auf den
hinteren, freien Sitz. Jetzt bemerkte sein Nachbar die
Dienstgradabzeichen auf dem Kragen von Splashmore.
„Entschuldigung, Sir“, stotterte er. „Sir, ich konnte Ihren
Dienstgrad nicht erkennen, Sir!“
„Macht nichts“, antwortete der Angesprochene. „Ist jetzt ja wohl
egal. Müssen erst mal sehen, dass wir unsere Hinterteile in Sicherheit
bringen.“
Der Fahrer gab Gas und raste die schmale Straße entlang, weg von den
Gebäuden. Ein paar Mal flogen Flugzeuge dicht über sie hinweg, aber
als Ziel war der Jeep den Piloten wohl zu unbedeutend. Niemand schoss
auf sie. In halsbrecherischer Fahrt umkurvte der Sergeant am Steuer
einen Bombentrichter und die Reste eines japanischen Flugzeuges, das in
mehrere Teile zerbrochen, auf dem Rasen links neben der Straße lag. Der
Pilot hing halb aus seiner Kabine, das verbrannte, geschwärzte Gesicht
zu einem grausigen Lächeln verzogen.
Der Fahrer fuhr wie der Teufel. Der Jeep holperte in voller Fahrt über
einen armdicken Ast, der mitten auf dem Weg lag. Die Insassen hielten
sich fest zu gut sie konnten, stießen sich trotzdem schmerzhaft an dem
Gewehrhaltern und an dem Rahmen der Vordersitze. Jetzt bemerkte
Splashmore die Verletzung an seinem Rücken: Sie brannte höllisch und
er fühlte eine warme, klebrige Flüssigkeit an der Wirbelsäule
hinunterlaufen.
Vor ihnen tauchte eine Buschgruppe auf, die ein Baseballfeld von der
Straße trennte.
„Rein dort, Garry!“, schrie der Beifahrer. „Dort rechts rein!“
Fast ungebremst steuerte der das Fahrzeug in die Büsche, die über
ihnen zusammenschlugen. Der Fahrer legte eine Vollbremsung hin und kam
direkt vor einer Palme zu stehen. Er stellte den Motor ab und für eine
Sekunde herrschte fast völlige Stille: keine Explosionen, kein Schießen,
nur das Knacken der heißen Auspuffanlage war zu vernehmen. Dann ging
der Lärm des Krieges wieder los.
„Raus aus dem Fahrzeug!“, befahl Splashmore. „Haben Sie neben
Ihren Pistolen weitere Waffen dabei?“
Beide MP drehten sich um, sahen ihn an, bemerkten erst jetzt die beiden
silbernen Streifen auf dem Kragen.
„Nein, Captain“, antwortete der ältere MP. Wir haben nur unsere
beiden Fünfundvierziger.“
Lieutenant“, verbesserte ihn Splashmore. „Navy-Lieutenant Jonas Bell
Splashmore. “
„Müssen Sie zu Ihrem Schiff, Sir? Sollen wir Sie dorthin bringen?“,
fragte der Fahrer.
„Nein, ich habe eine Spezialaufgabe. Ich gehöre zu
keiner Schiffsbesatzung. Aber
jetzt erst mal raus aus dem Jeep und weg vom Fahrzeug. Wenn uns ein
Pilot von oben sieht, kann er auf dumme Gedanken kommen.“
Die Vier schlugen sich in die Büsche, erreichten eine Holztribüne am
Rande des Baseballfeldes, unter der sie Sichtschutz fanden. Die meisten
Flugzeuge drehten ab und verschwanden, nur in großer Höhe war der
dumpfe, gleichmäßige Ton von Flugzeugmotoren zu hören. Plötzlich
eine Reihe von Explosionen, sehr nahe, sehr laut. Direkt vor ihnen lag
ein Gebäudekomplex, der nun schwer getroffen wurde. Die feindlichen
Maschine trafen aus der großen Höhe ihre Ziele erstaunlich genau,
hinterließen Verwüstung und Tod, während sie langsam an diesem schönen
Sonntagmorgen dort oben ihre Bahnen zogen.
„Was sind das für Gebäude?“, wollte der Lieutenant wissen.
Die beiden Sergeants schauten erst ihn, dann sich gegenseitig an. „Das
ist CINCPAC Headquarters,
Sir. Admiral Kimmel hat dort sein Büro.”
„Da habe ich dumm gefragt“, dachte
sich Splashmore.
Der Fahrer fügte hinzu: „Müssten Sie eigentlich wissen, Sir.
Sind doch von der Navy. Oder?“
„Doch, sicher. Habe momentan in dem Chaos hier die Orientierung
verloren. Bin erst vorgestern angekommen und bekam ein Zimmer im Royal
Beach Hotel zugewiesen, weil in der Offiziersunterkunft nichts frei war.
Morgen muss ich mich beim Admiral melden.“
„Aha“, meinte der eine
MP; er schien mit der Antwort zufrieden zu sein.
„Und wo kommen Sie jetzt her, Sir?“, wollte der andere wissen.
Zum Glück fiel dem Gefragten sofort eine passende Antwort ein: „Ich
wollte in die Bücherei für maritime Literatur.“
Er zeigte in die Richtung des brennenden Gebäudes.
„Die war aber geschlossen.“ Fügte dann hinzu: „Zu meinem Glück.
Ich stand vor dem Gebäude, als es von einer Bombe getroffen wurde. Wäre
ich drin gewesen ...“
„Ach so. Da haben Sie aber Glück gehabt! Und wie sind Sie heute früh
dorthin gekommen?“
Langsam fand Splashmore die Fragerei ungemütlich. Er beschloss nur sehr
vorsichtig und sehr vage zu antworten.
„Ich nahm vom Hotel aus ein Taxi. Das brachte mich zu dem Gebäude.
Dort stieg ich aus, zahlte und fand die Bücherei geschlossen. Und plötzlich
befand ich mich mitten im Krieg.“
Einen Moment Schweigen. Das Brummen der Bombermotoren verschwand in der
Ferne, vom Hafen her waren weitere dumpfe Explosionen zu hören, übertönt
vom schrillen Kreischen der Feuerwehrsirenen und Ambulanzen. Ein
schwerer Bootsmotor heulte auf, gefolgt von einem zweiten, das Wummern
der schweren Bootsdiesel hallte über das Wasser, während die beiden
Boote Fahrt aufnahmen. Splashmore kannte den Ton, war selbst auf solch
einem Schiff gefahren. Der Klang der Motoren war typisch für
Patroullienboote. Ihn wunderte, dass sie, sechzig Jahre später, zu
seiner Zeit noch genauso klangen.