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2. Buch:  Projekt Waikiki Beach


Leseprobe aus dem zweiten Teil.

Ich arbeite fleißig an meinem zweiten Buch und hoffe, es bis zum Jahresende 2009 an den Verlag übersenden zu können. Also haben Sie bitte noch etwas Geduld.
Ich werde regelmäßig, so alle sechs bis acht Wochen, hier an dieser Stelle eine neue Leseprobe veröffentlichen.

Viel Spaß!

Rolf Sloet

(P.S. Eine weitere Leseprobe finden Sie hier Ende Juli 2009.)

 

Die solide Tür, vor der er stand, rettete sein Leben. Es gab eine donnernde Explosion, alle Fenster flogen aus dem Gebäude, rissen im Erdgeschoss die Gitter mit. Nur die Tür hielt dem Explosionsdruck stand und schützte Splashmore, auf den Regen von kleinen Glassplittern,  zerbrochenen Dachziegeln, Holz- und Mauerteilen niederging. Ein größeres Stück Stein streifte seinen Rücken, riss seine Khakibluse und das Unterhemd auf, schabte Haut großflächig von seiner Wirbelsäule und zerplatze auf dem Weg. Der Schmerz brachte ihn zur Besinnung, während eine große Staubwolke niedersank und ihm den Sauerstoff nahm. Hustend, keuchend, nach Luft schnappend rannte er davon, den Weg entlang, an den beiden lädierten Palmen vorbei, neben denen noch vor weniger als zehn Minuten das Modul gestanden hatte.

  Mit brennenden Lungen erreichte er einen Platz. Immer noch keuchend und hustend trabte er weiter, missachtete seine bleischweren Beine. Mit heulendem Motor schoss ein Tiefflieger über ihn hinweg, verschwand über dem Wasser. Jetzt war der Himmel voller japanischer Flugzeuge mit den großen roten Sonnen unter ihren Tragflächen. Wo blieben die amerikanischen Jäger? 

Neben einem Fahnenmast lagen zwei Soldaten. Splashmore verhielt kurz, beugte sich zu ihnen hinunter. Der eine, ein einfacher Matrose, besaß an Stelle des Gesichts einen blutigen Brei, aus dem zwei makellos weiße Zähne blinkten und ein dickes, getrübtes Auge glotzte. Der andere, ein jüngerer Petty Officer, schien nur zu schlafen: Beide Hände unter dem Gesicht gelegt, ein Bein über das andere gekreuzt, mit friedlichem, entspannten Gesichtsausdruck lag er auf der Seite neben seinem Kameraden. Nur die dünnen, roten Blutfäden, die ihm aus Mund und Nasenlöchern liefen, straften den ersten Eindruck Lügen.

 

Eine mächtige Explosion schreckte den Lieutenant auf: Das Haus, vor dem er noch vor zwei Minuten gestanden hatte, flog in die Luft. Die Bücher über maritimes Leben mussten einen explosiven Inhalt besitzen, ging es ihm durch den Kopf, während er mit aller Kraft loslief. Der Appellplatz war rasch überquert, an einem Gebäude entlang hastend folgte er dem Weg, der zu einem Hafenbecken führte, in dem kleinere Schiffe lagen. Dort blieb er stehen. Zwei oder drei der Patroullienboote holten gerade ihre Anker ein, während Matrosen mit den Zwillings-MG auf die Flugzeuge schossen. Ein Boot befand sich im Sinken, hing noch an seinem Nachbarschiff vertäut. Dessen Mannschaft versuchte verzweifelt, die Vertauung zu lösen, um nicht zu kentern. Der Gestank von brennendem Öl und der scharfe Geruch des Pulvers brannten in der Nase des Mannes, der am gemauerten Kai stand, laut brüllte und mit den Armen ruderte. „Hierher!“, schrie er. „Holt mich ab!“, selber zweifelnd, ob man ihn drüben auf den Schiffen bei dem infernalischen Krachen der Explosionen und dem Hämmern der Maschinenwaffen hören konnte.

„Steigen Sie ein Soldat!“, schrie jemand hinter ihm. „Wollen Sie sich von den Japsen erschießen lassen?“
Splashmore fuhr herum. Hinter ihm stand ein Jeep der Militärpolizei, in dem vorne zwei korrekt gekleidete MP-Sergeants saßen. Trotz des allgemeinen Chaos trugen sie die vorschriftsmäßige Uniform mit den glänzenden Helmen, den weißen Koppeln und den Armbinden mit dem Aufdruck MP.
 
Hinten im Fahrzeug hockte ein junger Schwarzer in zerfetzter grüner Army-Unterwäsche, einen blutgetränkten Verband um seinen Kopf gewickelt. Der Schwarze winkte.
„Steig ein, Kumpel, steig ein!“
Mit zwei Sätzen war der Lieutenant am Jeep und schwang sich auf den hinteren, freien Sitz. Jetzt bemerkte sein Nachbar die Dienstgradabzeichen auf dem Kragen von Splashmore.
„Entschuldigung, Sir“, stotterte er. „Sir, ich konnte Ihren Dienstgrad nicht erkennen, Sir!“
„Macht nichts“, antwortete der Angesprochene. „Ist jetzt ja wohl egal. Müssen erst mal sehen, dass wir unsere Hinterteile in Sicherheit bringen.“

Der Fahrer gab Gas und raste die schmale Straße entlang, weg von den Gebäuden. Ein paar Mal flogen Flugzeuge dicht über sie hinweg, aber als Ziel war der Jeep den Piloten wohl zu unbedeutend. Niemand schoss auf sie. In halsbrecherischer Fahrt umkurvte der Sergeant am Steuer einen Bombentrichter und die Reste eines japanischen Flugzeuges, das in mehrere Teile zerbrochen, auf dem Rasen links neben der Straße lag. Der Pilot hing halb aus seiner Kabine, das verbrannte, geschwärzte Gesicht zu einem grausigen Lächeln verzogen.
Der Fahrer fuhr wie der Teufel. Der Jeep holperte in voller Fahrt über einen armdicken Ast, der mitten auf dem Weg lag. Die Insassen hielten sich fest zu gut sie konnten, stießen sich trotzdem schmerzhaft an dem Gewehrhaltern und an dem Rahmen der Vordersitze. Jetzt bemerkte Splashmore die Verletzung an seinem Rücken: Sie brannte höllisch und er fühlte eine warme, klebrige Flüssigkeit an der Wirbelsäule hinunterlaufen.

Vor ihnen tauchte eine Buschgruppe auf, die ein Baseballfeld von der Straße trennte.
„Rein dort, Garry!“, schrie der Beifahrer. „Dort rechts rein!“
Fast ungebremst steuerte der das Fahrzeug in die Büsche, die über ihnen zusammenschlugen. Der Fahrer legte eine Vollbremsung hin und kam direkt vor einer Palme zu stehen. Er stellte den Motor ab und für eine Sekunde herrschte fast völlige Stille: keine Explosionen, kein Schießen, nur das Knacken der heißen Auspuffanlage war zu vernehmen. Dann ging der Lärm des Krieges wieder los.
„Raus aus dem Fahrzeug!“, befahl Splashmore. „Haben Sie neben Ihren Pistolen weitere Waffen dabei?“
Beide MP drehten sich um, sahen ihn an, bemerkten erst jetzt die beiden silbernen Streifen auf dem Kragen.
„Nein, Captain“, antwortete der ältere MP. Wir haben nur unsere beiden Fünfundvierziger.“
Lieutenant“, verbesserte ihn Splashmore. „Navy-Lieutenant Jonas Bell Splashmore. “
„Müssen Sie zu Ihrem Schiff, Sir? Sollen wir Sie dorthin bringen?“, fragte der Fahrer.
„Nein, ich habe eine Spezialaufgabe. Ich gehöre zu  keiner Schiffsbesatzung.  Aber jetzt erst mal raus aus dem Jeep und weg vom Fahrzeug. Wenn uns ein Pilot von oben sieht, kann er auf dumme Gedanken kommen.“

Die Vier schlugen sich in die Büsche, erreichten eine Holztribüne am Rande des Baseballfeldes, unter der sie Sichtschutz fanden. Die meisten Flugzeuge drehten ab und verschwanden, nur in großer Höhe war der dumpfe, gleichmäßige Ton von Flugzeugmotoren zu hören. Plötzlich eine Reihe von Explosionen, sehr nahe, sehr laut. Direkt vor ihnen lag ein Gebäudekomplex, der nun schwer getroffen wurde. Die feindlichen Maschine trafen aus der großen Höhe ihre Ziele erstaunlich genau, hinterließen Verwüstung und Tod, während sie langsam an diesem schönen Sonntagmorgen dort oben ihre Bahnen zogen.

„Was sind das für Gebäude?“, wollte der Lieutenant wissen.
Die beiden Sergeants schauten erst ihn, dann sich gegenseitig an. „Das ist CINCPAC Headquarters[1], Sir. Admiral Kimmel hat dort sein Büro.”
„Da habe ich dumm gefragt“, dachte sich Splashmore.
Der Fahrer fügte hinzu: „Müssten Sie eigentlich wissen, Sir. Sind doch von der Navy. Oder?“
„Doch, sicher. Habe momentan in dem Chaos hier die Orientierung verloren. Bin erst vorgestern angekommen und bekam ein Zimmer im Royal Beach Hotel zugewiesen, weil in der Offiziersunterkunft nichts frei war. Morgen muss ich mich beim Admiral melden.“
„Aha“,  meinte der eine MP; er schien mit der Antwort zufrieden zu sein.
„Und wo kommen Sie jetzt her, Sir?“, wollte der andere wissen.
Zum Glück fiel dem Gefragten sofort eine passende Antwort ein: „Ich wollte in die Bücherei für maritime Literatur.“
Er zeigte in die Richtung des brennenden Gebäudes.
„Die war aber geschlossen.“ Fügte dann hinzu: „Zu meinem Glück. Ich stand vor dem Gebäude, als es von einer Bombe getroffen wurde. Wäre ich drin gewesen ...“
„Ach so. Da haben Sie aber Glück gehabt! Und wie sind Sie heute früh dorthin gekommen?“
Langsam fand Splashmore die Fragerei ungemütlich. Er beschloss nur sehr vorsichtig und sehr vage zu antworten. „Ich nahm vom Hotel aus ein Taxi. Das brachte mich zu dem Gebäude. Dort stieg ich aus, zahlte und fand die Bücherei geschlossen. Und plötzlich befand ich mich mitten im Krieg.“

Einen Moment Schweigen. Das Brummen der Bombermotoren verschwand in der Ferne, vom Hafen her waren weitere dumpfe Explosionen zu hören, übertönt vom schrillen Kreischen der Feuerwehrsirenen und Ambulanzen. Ein schwerer Bootsmotor heulte auf, gefolgt von einem zweiten, das Wummern der schweren Bootsdiesel hallte über das Wasser, während die beiden Boote Fahrt aufnahmen. Splashmore kannte den Ton, war selbst auf solch einem Schiff gefahren. Der Klang der Motoren war typisch für Patroullienboote. Ihn wunderte, dass sie, sechzig Jahre später, zu seiner Zeit noch genauso klangen.



[1] Hauptquartier des Kommandierenden Admirals der Pazifikflotte


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Fortsetzung folgt

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