Seine
Arbeit schob er in einen großen Umschlag und diese steckte er in seine
College-Mappe.
Draußen auf dem Flur klingelte das Telefon. Eine Tür öffnete sich und
jemand nahm den Hörer ab. Er erkannte die Stimme von Cecilia, die genau
gegenüber der kleinen Telefonbox ihr Zimmer hatte.
„Studentenheim
St. Mary‘s, Gebäude B, dritter Stock“, meldete sie sich. Einen Moment
Stille. „Ja, ich glaube er ist da. Ich hole ihn. Einen Moment bitte.“
Sie klopfte an Frederics Tür.
„Komm rein, Cilly.“
Sie öffnete die Tür nur halb und schob ihren Wuschelkopf in den Raum.
„Telefon für dich, Ric. Ich glaube, es ist die Polizei aus Grant,
Perkins County.“
Frederic
wusste sofort, es musste etwas geschehen sein. Seine Großeltern wohnten
in Grant, und seine Mutter hatte ihm in der Vorwoche geschrieben, dass sie
und Vater ihre Eltern besuchen wollten.
„Danke!“ Er rannte zum Telefon und nahm den Hörer auf, der auf dem
Regal in der Box lag. „Frederic Windham.“
„Deputy Peter Richly, Perkins County Police“, meldete sich jemand am
anderen Ende der Leitung. „Mr. Windham. Heißen Ihre Eltern Lesley und
Ann-Caroll Windham?“
„Ja, Sir.“ Frederic merkte, wie ihm der Schweiß ausbrach und seine Hände
anfingen zu zittern.
„Sie sollten sofort herkommen“, fuhr der Polizist nach einer kurzen
Pause fort. Frederic hörte, wie der Beamte deutlich tief aus- und
einatmete.“ Ihre Eltern hatten einen schweren Unfall. Kommen Sie möglichst
noch heute!“
„Ja, ich komme.“ Er legte auf, ohne nach weiteren Einzelheiten zu
fragen.
Eine Stunde später saß er in seinem alten Ford und war auf dem Weg nach
Grant.
Frederic Windham traf nach einer Fahrt im Dauerregen völlig erschöpft im
Krankenhaus des kleinen Ortes ein. Die Schwester an der Information
schickte ihn zur Unfallstation.
„Gehen Sie links den Gang hinunter bis zu dem kleinen Warteraum. Ich
glaube, es sind schon Verwandte von Ihnen da.“
Frederic
traf seine weinenden, völlig verstörten Großeltern vor der grünen
Pendeltür mit der Aufschrift ‚Emergency Room’. Seine Großmutter
umarmte ihn.
„Mein armer Junge“, schluchzte sie. „Mein armer Junge.“
Seine Eltern waren beide vor gut einer Stunde gestorben. Der große LKW
hatte dem kleinen Toyota die Vorfahrt genommen und ihn völlig zerstört.
„Wir werden den LKW finden und der Schuldige kommt vor Gericht. Das
verspreche ich Ihnen, Mr. Windham“, meinte der Polizist, der kurz nach
Frederic erschienen war.
Weder der LKW noch der Fahrer wurden jemals gefunden. Nach einem Jahr
schloss die Polizei die Akte.
Die Vollkaskoversicherung überwies nach vierzehn Monaten
eintausendsiebenhundertundfünfzig Dollar für den sechs Jahre alten
Wagen.
Die Beerdigung erlebte Frederic wie in Trance. Später konnte er sich nur
noch an den Gottesdienst erinnern. Er war froh, dass sein Großvater ihm
alle Formalitäten abgenommen hatte.
Zwei Tage nach der Trauerfeier verabschiedete er sich von seinen Großeltern,
um die Angelegenheiten mit der Bank in seinem Heimatort zu regeln. Er
sollte sie nie wieder sehen.
Der Bankdirektor hatte angerufen: „Frederic ... Ich darf doch noch
Frederic zu dir sagen? Oder?“
„Klar, Mister Shultz! Schließlich kennen Sie mich seit meiner
Geburt.“
„Wir müssen ein paar Formalitäten klären. Wie wäre es mit
Donnerstag, so gegen zehn Uhr?“
Um
Punkt zehn Uhr war Frederic in der Bank.
David D. Shultz strahlte über das ganze Gesicht, als er Frederic sah.
Dann verdunkelte sich seine Miene.
„Mein herzliches Beileid, Junge. Deine armen Eltern! Hoffentlich
erwischen sie den Schuft!“
Er stand auf und schüttelte dem
jungen Mann die Hand.
„Setz dich doch!“ Er wies auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch und öffnete
einen Aktenordner.
„Es gibt da ein Problem. Deine Eltern haben die Raten für das Haus
nicht mehr gezahlt, als du mit dem Studium angefangen hast. Dann laufen da
noch die Kredite für die Möbel und ...“
Er blätterte in dem Aktenordner.
„Auch der Wagen ist noch nicht ganz bezahlt. Offen sind noch die
Beerdigungskosten, die fälligen Versicherungen für dich und so
weiter.“
Er nahm seine Brille ab und schaute Frederic an. Der war sichtbar blass
geworden.
„Was bedeutet das für mich?“, wollte der wissen.
„Nun, es sind rund fünfzigtausend Dollar zu zahlen. Und so wertvoll ist
euer Haus auch nicht. Dein Dad hätte auf mich hören sollen. Ich hätte
das Haus nicht gekauft.“
Frederic war entsetzt. „Was soll ich jetzt machen? Ich besitze nur
achthundert Dollar.“ Er fing an zu weinen.
„Ich
helfe dir. Ich habe schon einen Käufer für das Haus“, tröstete ihn
der Bankdirektor und tätschelte seine Hand.
„Mach dir mal keine Sorgen!“
Der Käufer war die Frau des Bankdirektors. Als alles abgerechnet war,
alle Schulden, die Versicherungen und das Begräbnis bezahlt, als der
Notar sein Geld bekommen hatte, holte die Möbelfirma noch alle Möbel ab.
„Kulanterweise verzichten wir auf den Rest des Geldes“, meinte der Möbelhändler.
Schließlich waren bereits achtzig Prozent bezahlt und die Möbel waren
noch fast neu.
Zum Schluss bekam Frederic einen Scheck über
eintausendzweihundertundachtzig Dollar von einer Bankangestellten.
„Das ist der Überschuss“, meinte sie. „Die besten Grüße von Mr.
Shultz. Er ist die nächsten Tage nicht da.“
Frederic verschenkte alles, außer seinen persönlichen Sachen und ein
paar Bildern. Er exmatrikulierte sich an der Universität, die er sich
nicht mehr leisten konnte.
Einen Tag später verpflichtete er sich für zwölf Jahre bei der Army.